In der Mathematik geht es um Zahlen. Oberflächlich betrachtet müsste die Mathematik also sprachübergreifend funktionieren. Doch in Wirklichkeit ist sie eng mit der Sprache verknüpft. Im schulischen Kontext geht dies sogar so weit, dass Sprachbarrieren zu schlechteren Noten im Fach Mathematik führen können.

Ein persönliches Beispiel

Als Jugendliche und junge Frau gab ich sehr viel Nachhilfe. Einer meiner Schüler beschäftigt mich bis heute. Er war ein guter Kopfrechner. Auch konnte er sich logische Zusammenhänge leicht erschließen. Und dennoch kam er zu mir, da er auf dem Zeugnis stets eine 4 in Mathe bekam. Wie konnte es dazu kommen?

Im Elternhaus des Schülers wurde keinerlei Deutsch gesprochen. Mit seinen Freunden und Mitschülern tauschte er sich fließend aus, jedoch verwendeten sie dazu die Jugendsprache. Auch mir gegenüber konnte sich der Junge verständlich machen. Von einigen grammatikalischen Fehlern abgesehen, war er in der Lage, fließend Deutsch zu sprechen. Jedoch reichten sein Wortschatz und seine Grammatikkenntnisse nicht aus, um im Mathematikunterricht zu bestehen.

Das stupide Ausrechnen mathematischer Aufgaben stellte überhaupt kein Problem für ihn dar. Doch sobald er sein Vorgehen erklären sollte oder eine Textaufgabe in seinem Buch auftauchte, war er überfordert. Dies begann in der Regel schon bei den in der Textaufgabe verwendeten Wörtern. Handelte es sich nicht um alltagsnahe Wörter, so verstand er sie nicht. Und leider bot sein Mathebuch ziemlich viele Textaufgaben mit ziemlich vielen nicht-alltäglichen Wörtern an.

Einmal ging es um die Gartengestaltung, wobei der Flächeninhalt unterschiedlicher Blumenbeete und gepflasterter sowie geschotterter Wege berechnet werden sollte. Doch was ist ein „Beet“? Was ist ein „geschotterter“ Weg und wie unterscheide ich ihn in der Zeichnung von einem „gepflasterten“ Weg? In einer anderen Aufgabe ging es um Baukräne. Und als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, bauten die Autoren in den Text weitere Informationen über unterschiedliche Baustellenfahrzeuge ein, welche lediglich der Ablenkung dienen sollten, was bei meinem Nachhilfeschüler für noch mehr Verwirrung sorgte.

Ich mochte diesen Schüler sehr. Schließlich empfahl ich ihm intensive Deutschnachhilfe. Ich hoffte, dass diese die Sprachbarriere so weit senken könne, dass auch die Mathenote davon profitieren würde.

Sprachbarrieren im Mathematikunterricht aus der Sicht eines Lehrers

Jan-Martin Klinge beschreibt in seinem Blogartikel „moralische Notengebung“ das oben genannte Problem aus der Sicht eines Lehrers. Zur Lösung des Problems empfiehlt er seinen Schülerinnen und Schülern, mehr zu lesen. Auch ich bin der Meinung, dass Lesen ungemein helfen würde den Wortschatz zu erweitern und die Grammatik zu verinnerlichen. Doch scheitert es in meinen Augen an der Motivation. Leider ist Lesen für viele Kinder und Jugendliche nicht nur mühsam geworden, sondern gilt auch als uncool oder langweilig.

Als Lehrer steht Jan-Martin Klinge nun vor dem Problem der fairen Bewertung: Soll er eher das mathematische Verständnis benoten und die bessere Note geben? Oder sollte er die sprachlichen Probleme mitbewerten und die schlechtere Note geben? Lies dir hierzu gerne seinen Artikel sowie die dazugehörigen Kommentare durch, in denen viele unterschiedliche Aspekte des Problems angesprochen werden.

Sprachsensibler Mathematikunterricht

Schaut man sich die deutschen Lehrpläne an, so erfährt man, dass Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht die Kompetenzen Darstellen, Kommunizieren, Argumentieren, Modellieren und Problemlösen weiterentwickeln sollen. „Kommunizieren“ und „Argumentieren“ sind also fester Bestandteil eines jeden Matheunterrichts.

Könnte sprachsensibler Mathematikunterricht dazu beitragen, Sprachbarrieren abzubauen und zu einem tieferen Verständnis des Unterrichtsstoffes beizutragen? Ich denke schon.

Die größte Aufgabe kommt hierbei der unterrichtenden Lehrkraft zu, denke ich. Denn sie muss eine Brücke schlagen zwischen der Alltagssprache, welche von den Schülerinnen und Schülern bereits beherrscht wird, und der Fachsprache, welche noch erlernt werden soll. Erste Ideen dazu, wie dies umgesetzt werden könnte, findest du im Artikel „Mathematik und Sprache“ von Annette Isselbächer-Giese und Sabine Kliemann.

Doch auch das richtige Unterrichtsmaterial kann helfen, Sprachbarrieren zu minimieren. Daher habe ich mir für die Zukunft vorgenommen, das mathematische Kiwole-Material sprachsensibler zu gestalten, indem ich beispielsweise Wortspeicher mit Fachbegriffen, hilfreichen Sätzen und Satzanfängen hinzufüge.

Hast du weitere Ideen, die den Schülerinnen und Schülern helfen könnten? Hinterlasse mir doch gerne einen Kommentar!

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