Durch die Coronakrise sind die Schulen nach wie vor geschlossen. Deutschland muss plötzlich andere Lösungen finden. Vom digitalen Klassenzimmer bis hin zum (normalerweise verbotenen) Homeschooling gibt es derzeit viele verschiedene Varianten. Jede Schule, ja sogar jeder Lehrer und jede Lehrerin handhabt es ein wenig anders. Manch einer stellt plötzlich fest, dass das eigene Kind zu Hause besser lernt als in der Schule (mehr dazu in meinem Artikel „Sehen wir den Heimunterricht mal positiv„). Dabei vergessen wir, dass es eigentlich noch viele weitere Lernorte gibt.

Wo lernen wir?

Schon jetzt lernen wir – streng genommen – nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause, im Sportverein oder in der Bücherei. Lernen, das bedeutet ja nicht bloß das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens. Auch anziehen will gelernt sein. Oder kochen. Zieht das Kind irgendwann von zu Hause aus, hat es für sein weiteres Leben unheimlich viel gelernt und nur einen Bruchteil dessen hat es tatsächlich in der Schule erlernt. Denn in welcher Schule lernt man, welchen Telefonanbieter man wählen sollte? Oder wie man eine Waschmaschine bedient?

Wir lernen also täglich und überall. Das Lernen ist nicht allein auf die Schule begrenzt. Gerade deshalb gehe ich davon aus, dass unsere Schulkinder auch in den „Coronaferien“ genug lernen werden. Egal wo und wie sie unterrichtet werden. Vielleicht ist es sogar egal, ob sie überhaupt unterrichtet werden. Sie bleiben neugierig und werden sich etwas abgucken oder selber erforschen.

Freilernen und freie demokratische Schulen

Unschooling oder Freilernen

Dies ist übrigens in anderen Ländern unter dem Begriff „Freilernen“ als eine Unterform des Homeschoolings bekannt. In diesem Fall geben die Eltern tatsächlich nur Anregungen, unterrichten ihre Kinder aber nicht. Die Idee dahinter ist, dass das Kind neugierig erforschen und erlernen wird, was seinen persönlichen Interessen entspricht und was es für sein späteres Leben benötigen wird. Positiv hervorzuheben ist hier, dass es viel Zeit hat, sich mit seinen eigenen Interessen zu beschäftigen und so geschieht es nicht selten, dass diese Kinder Spezialisten auf ihrem Gebiet werden.

In der Regel kommt hier schnell die Frage auf, ob diese Kinder denn überhaupt die Möglichkeit hätten einen Abschluss zu machen, um anschließend eine Ausbildung oder ein Studium beginnen zu können. Ja, das ist möglich. Dafür gibt es die externen Abschlussprüfungen. Einige Kinder besuchen für die Vorbereitung dann doch nochmal ein Jahr die normale Schule. Andere bereiten sich in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Art und Weise zu Hause oder in Lerngruppen mit Freunden darauf vor. So kommen wir auch gleich zur nächsten Frage, ob die Kinder denn genügend soziale Kontakte hätten. Ja, auch das ist in der Regel gegeben. Am Nachmittag können sie ihre Freunde treffen und in der Musikschule oder im Sportverein lernen sie in Gruppensituationen klar zu kommen. So kommt es nur sehr selten zu sozialen Problemen.

Freie demokratische Schulen

Ähnlich funktionieren freie demokratische Schulen, in denen es keinen festen Unterricht, keine Tests, keine Noten und dadurch auch keinen Leistungsdruck gibt. Hier stehen das interessensgesteuerte und selbstbestimmte Lernen im Vordergrund. An einigen dieser Schulen werden Kurse angeboten, die die Kinder freiwillig besuchen können. Dies kann sowohl ein Gartenkurs als auch ein Mathekurs sein. Den Kindern bleibt es aber freigestellt, ob sie den Vormittag in Kursen oder auf dem Trampolin verbringen wollen, denn sie dürfen sich jederzeit frei auf dem gesamten Schulgelände bewegen. Durch die fehlende feste Klassenstruktur ist es den Kindern möglich altersunabhängige Gruppen zu bilden, in denen die Kleinen von den Großen lernen können oder alle gemeinsam ein neues Thema erarbeiten können.

„Demokratisch“ sind diese Schulen deshalb, weil möglichst viele Belange des schulischen Zusammenlebens basisdemokratisch geregelt werden, wobei jede Schülerin, jeder Schüler, jede Lehrerin und jeder Lehrer je eine Stimme haben. Abgestimmt wird dabei meist auf Schulversammlungen.

Weiterführende Informationen

Falls dich diese Themen interessieren, empfehle ich dir den Blog der Delpin Family, deren Kinder zunächst das Freilernen in der Familie kennen lernen durften und nun eine freie demokratische Schule besuchen. Wie es zu diesen Entscheidungen kam und welche Vor- sowie Nachteile damit verbunden sind könnt ihr in der Artikelreihe „Einmal freilernen und zurück“ nachlesen.

Einen umfassenden Rückblick auf das erste Jahr in einer freien demokratischen Schule bekommt ihr bei dreimalfrei. Hier ist auch sehr schön der Unterschied zwischen verschiedenen freien demokratischen Schulen (Sudbury-Schulen und Summerhill-Schulen) erklärt.

Falls ihr nun Lust bekommen habt, euch mit anderen Freilernern zu vernetzen, so empfehle ich euch dringend die Schulfrei Community! Hier findet ihr eine Schatzkiste voller Buchempfehlungen, Studien und Links zu weiteren Artikeln über das Freilernen sowie einen ganz tollen Kalender mit Terminen, die für (werdende) Freilerner interessant sein könnten. Außerdem könnt ihr auf einer Karte erkennen, wo sich überall Freilerner aufhalten und bei Interesse zur Vernetzung Kontakt aufnehmen.

Lernorte

In einem begrenzten Umfang steckt eigentlich in jedem von uns ein Freilerner. Wie lernst du, wenn dich etwas brennend interessiert?

Ich persönlich lese mich gerne in neue Themen ein. Dazu nutze ich das Internet, durchstöbere Blogs und wissenschaftliche Artikel, doch mindestens genau so gern besuche ich die örtliche Bücherei. Dort sitze ich dann zwischen all den langen Regalreihen, stecke meine Nase mal in dieses und mal in jenes Buch und merke dabei gar nicht wie die Zeit verfliegt. Am Ende verlasse ich diesen für mich heiligen Ort mit einem Stapel Bücher, einem Lächeln auf den Lippen und dem positiven Gefühl mich sattgelesen sowie sattgelernt zu haben.

Die Bücherei ist für mich persönlich also ein sehr wichtiger Lernort.

Meine Tochter liebt es in Schwimmbäder zu gehen. Sie schwimmt ihre Bahnen, springt vom Startblock und probiert allerlei Dinge aus: Kann ich einen Handstand im Wasser machen? Kann man unter Wasser einen Salto schlagen? Wie weit kann ich tauchen? Dabei schaut sie sich eine ganze Menge von den anderen Besuchern des Schwimmbades ab. Einmal ergab sich ganz spontan ein Gespräch mit dem Bademeister, aus dem sie sehr viel Wissen mitnehmen konnte.

Das Schwimmbad ist ein Ort, an dem sie sehr viel lernt. Es ist einer ihrer persönlichen Lernorte.

Meine Utopie

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn es statt der Schulen viele öffentlich zugängliche Lernorte gäbe. Orte, an denen ein jeder lernen kann, unabhängig vom Alter, von der Herkunft oder dem Einkommen.

Öffentliche Büchereien sind ein guter Beweis dafür, dass es funktionieren kann. Unsere Bücherei ist zugleich Lernort und Begegnungsort. Hier kann man sich treffen, sich austauschen und gemeinsam Neues entdecken. Hier werden Geschichten erzählt und neue Geschichten erfunden. Hier wird vorgelesen und selber lesen gelernt. Hier wird altes Wissen weitergegeben und über neue Forschungsergebnisse diskutiert. Alt und Jung treffen sich dort. Vom Professor bis zum Obdachlosen sind alle vertreten. Es gibt Bücher in unzähligen Sprachen und wenn man seine Ohren offen hält, so kann man sie auch hören, die unzähligen Sprachen. Das Gebäude ist groß und lichtdurchflutet. Es wirkt einladend und jeder ist willkommen. Darüber hinaus ist vieles kostenlos. Das Entleihen von Bestsellern oder Videos sowie das Kopieren einzelner Seiten ist mit so geringen Kosten bedacht, dass es für fast jedermann erschwinglich ist.

Schwimmbäder, Turnhallen und Spielplätze als Lernorte

Wäre es nicht toll, wenn man dieses Konzept auf andere Lernorte übertragen könnte? Es gibt öffentlich zugängliche Schwimmbäder, aber wie wäre es mit Turnhallen? Und was würde es mit der Gesellschaft machen, wenn bestimmte Basics kostenlos wären? In der Bücherei kann ich kostenlos Bücher anschauen. Kinder dürfen sich sogar kostenfrei Bücher und Spiele ausleihen. Was würde es mit unserer Gesellschaft machen, wenn wir beispielsweise zwei Mal pro Woche die Möglichkeit hätten für je zwei Stunden kostenlos in ein Schwimmbad zu gehen? Wie würde es sich auswirken, wenn Sporthallen zu bestimmten Zeiten kostenlos nutzbar wären? Möglicherweise könnte die Nutzung bestimmter Geräte kostenpflichtig sein. Wahrscheinlich bräuchten wir Personal, welches auf die Einhaltung der Regeln achtet. Genau wie in der Bücherei. Das verursacht natürlich Kosten. Andererseits könnte es möglicherweise dazu beitragen, dass die gesamte Gesellschaft ein klein wenig sportlicher würde und bestenfalls weniger in Richtung Übergewicht tendierte.

In meiner Vorstellung könnte es Spielplätze für Erwachsene geben, auf denen man ganz spielerisch neue Bewegungsmuster erlernen kann und sich selbst ausprobieren darf, so wie Kinder sich schon heute auf Kinderspielplätzen ausprobieren dürfen.

Musikräume, Ateliers und Werkstätten als Lernorte

Wie wäre es, wenn wir jedes beliebige Musikinstrument ausprobieren dürften? Wäre es nicht großartig, wenn jedes Kind diese Möglichkeit erhielte? Leider haben nicht alle Eltern die Möglichkeit ihren Kindern Musikunterricht zu ermöglichen. In einigen Städten gibt es Musikräume, die man anmieten kann. Doch auch das ist mit Kosten verbunden und stellt somit eine Hürde dar. In meiner Utopie gibt es öffentliche Musikräume als Lernorte für jedermann. Dort dürfte man alleine oder in Gruppen musizieren, jeder wäre willkommen und alle könnten voneinander profitieren. Kostenlose Konzerte würden sich ganz automatisch ergeben. In einem Nebenzimmer gäbe es unzählige Notenhefte, die man sich nach Bedarf ausleihen könnte.

Für Kunstinteressierte gäbe es offene Ateliers, in denen sie ihrer Kreativität nachgehen könnten. Dabei könnte die Basisausstattung wie zum Beispiel Papier, Bleistifte, Buntstifte, ect gratis sein, während speziellere Farben unter einem geringen Kostenbeitrag erworben werden könnten. Natürlich gäbe es ausreichend Staffeleien, Tische, Stühle und Orte der Begegnung. Vielleicht wäre eine Art Galerie daneben, in der es eine ständig wechselnde öffentliche Ausstellung gäbe.

Ich stelle mir vor, dass es öffentliche Werkstätten als Lernorte gäbe, in denen man schnitzen, drechseln, schmieden oder lackieren lernen könnte! Wäre das nicht wunderbar?

Ja, in meiner Vorstellung gibt es sogar öffentlich zugängliche Labore, in denen jeder Interessierte kleine Versuche durchführen könnte. Natürlich gäbe es ein Sicherheitskonzept. Ich bin mir sicher, dass wir für all diese Fragen Lösungen finden würden. Immerhin ist auch in öffentlichen Schulen Chemieunterricht mit Versuchen möglich, die von den Schülern selbständig durchgeführt werden können.

Und wo bleiben die Kernfächer?

Mathe und Deutsch scheinen so zunächst einmal in den Hintergrund zu treten. Doch wer die Freilerner-Blogs aufmerksam liest oder es selbst einmal ausprobiert hat, der weiß, dass lesen, schreiben und rechnen ganz nebenbei erlernt werden. Schließlich will man seine neu erworbenen Kenntnisse aufschreiben, will eine Nahtzugabe berechnen oder ein Regalbrett ausmessen. Im sportlichen Bereich möchte man eine Bestzeit aufstellen, wozu man zunächst einmal die Stoppuhr bedienen können muss, ein Zahlenverständnis braucht und bestenfalls auch die Uhr lesen kann. Lesen, schreiben und rechnen werden ständig gebraucht und wären somit ständige Begleiter in allen Lernorten.

Wie gefallen euch meine Ideen? Ich bin sehr gespannt auf eure Kommentare!

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Verlinkung zu meinem Blog. Spannende Gedanken die du dir machst. Wie lerne ich? Als wir uns mit der Schulwahl unserer Kinder beschäftigten, fragte ich mich dies auch. Ich persönlich lerne dann, wenn mich etwas interessiert oder ich einen Sinn darin sehe. Zum Beispiel gerade jetzt möchte ich einen Hühnerstall bauen, weil wir Hühner halten möchten. Also mache ich mich über dieses Thema schlau: Im Internet, bei Bekannten welche Hühner haben, in Büchern usw. Bei der Umsetzung dieses Projektes streife ich ganz verschiedene Themen. Mathematik beim Berechnen der Holzmenge, die ich für das Hühnerhaus brauche, Biologie der Hühner, rechtliche Vorgaben zur Hühnerhaltung … aber auch ganz praktische Fähigkeiten wie zum Beispiel: „Wie organisiere ich die Baumaterialien in der Coronazeit, wo alle Baumärkte geschlossen sind“ … Genau so lernen meine Kinder in der freien demokratischen Schule.. und jetzt aktuell zu Hause als Freilerner. Ich würde sagen, dass jeder Ort wo ich mich für etwas interessiere, ein Lernort ist. Vielleicht braucht es gar nicht immer solche öffentlichen Lernorte wie du sie dir vorstellst. Vielleicht genügt es, sich diese Lernorte selbst zu schaffen, indem man seinen Interessen folgt, sich mich entsprechenden Leuten austauscht, sich Informationen auf allen erdenklichen Wegen besorgt. Wenn man etwas wirklich will, findet man immer Wege. Solche Lernorte wie du sie beschreibst wären aber ideal, um sich inspirieren zu lassen, ohne dafür viel tun zu müssen, was sicherlich Interessen wecken kann. Ich glaube aber auch daran, dass mich das Leben irgendwie dann schon an die richtigen Orte zum richtigen Zeitpunkt bringen wird… Herzlich, Svea

    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

      Dein Beispiel mit dem Hühnerstall zeigt sehr schön, wie die künstlich geschaffenen Grenzen zwischen den einzelnen Schulfächern der Regelschulen im echten Leben bei praktischen Aufgaben verschwimmen.

      Ich finde den Gedanken, dass jeder Ort ein Lernort sein kann, wunderbar! Er fühlt sich absolut stimmig an. Vielen Dank für diese Anregung!

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