Damals wie heute müssen Schülerinnen und Schüler in der Schule Gedichte auswendig lernen. An einigen Schulen wird es so gehandhabt, dass nur hin und wieder mal ein Gedicht gelernt werden muss, an anderen Schulen hingegen ist dies wöchentlich der Fall.

Warum sollten Schülerinnen und Schüler Gedichte auswendig lernen?

Als meine Tochter in die Schule kam und jede Woche ein neues Gedicht auswendig lernen musste, fragte ich mich bald nach dem Sinn. Die Lehrerin erklärte mir, es würde das Gehirn trainieren und auf das spätere Erlernen der Vokabeln vorbereiten. Außerdem übe es das freie Vortragen, denn jedes Kind müsse jede Woche sein Gedicht vor der gesamten Klasse vortragen. Dieser zweite Punkt leuchtete mir ein und tatsächlich merkte ich schon bald, dass es meiner Tochter nicht nur nichts ausmachte vor der ganzen Klasse zu sprechen, sondern dass es ihr im Gegenteil sogar große Freude bereitete! (Dies mag auch darauf zurück zu führen sein, dass sie oft und gerne Referate vor der Klasse hielt, was natürlich ebenfalls für einen Trainingseffekt in diesem Bereich sorgte.)

Darüber hinaus üben die Schülerinnen und Schüler eine gute – sprich interessante oder gar spannende – Betonung und entwickeln schnell ein Rhythmusgefühl. Die Vorteile liegen in der Summe also möglicherweise gar nicht so sehr im Prozess des Auswendiglernens, sondern mehr im Bereich des Vortragens. (Aber vielleicht seht ihr das auch anders? Ich würde mich sehr über eine Diskussion in den Kommentaren freuen!)

Ist es noch zeitgemäß Gedichte lernen zu lassen?

Denke ich an die Gedichte meiner eigenen Schulzeit zurück, so fallen mir Gedichte wie „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ (1889) und „Die drei Spatzen“ (Veröffentlicht 1921, verfasst vermutlich Jahre zuvor) ein. Es mutet alles etwas eingestaubt an. Doch das muss ja gar nicht sein! Schaut man sich einmal um, so kann man ganz viele wundervolle moderne Gedichte finden! Reime voller Poesie. Kindgerechte Verse. Verrückte Zungenbrecher. Witzige Stellen, bei denen auch wir Erwachsenen lachen müssen. Es gibt so vieles zu entdecken!

Wäre es nicht wundervoll, den Kindern zunächst einmal Lust auf Lyrik zu machen, indem man ihnen Gedichte zeigt, zu denen sie leicht Zugang finden? Vielleicht, weil das Gedicht ihrem Humor entspricht. Vielleicht aber auch, weil es mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Es gibt Gedichte, die Themen wie Freundschaft, Schule oder Medien behandeln. Aber auf die leichte Art. Nicht oberlehrerhaft und kritisch bis zum Anschlag.

Des weiteren schlage ich vor, den Kindern stets eine kleine Auswahl an die Hand zu geben. Wenn sie aus vier oder fünf Gedichten dasjenige auswählen können, welches ihnen am meisten zusagt, so fällt das Lernen garantiert leichter und das Vortragen wird von mehr Elan und Herzblut getragen sein.

Sind die Kinder dann bereits mit unterschiedlichen Gedichten in Kontakt gekommen, können sie sich das auswendig zu lernende Gedicht irgendwann ganz alleine aussuchen. Aus meiner Sicht lernen sie schon bei der Recherche eine ganze Menge: Wo finde ich Lyrik? In einem Gedichtband? Oder im Internet? Wie suche ich am besten? Wonach wähle ich das Gedicht aus? Sollte es mir gefallen? Oder der Lehrerin? Oder meiner Zuhörerschaft?

Meine Tochter kam an diesem Punkt auf die Idee nach Gedichten ihres Lieblingslyrikers zu suchen. Mir fiel auf, dass sie seine Gedichte liebend gern auswendig lernte. Es ging ihr leicht von der Hand. Meiner Meinung nach ist Lernen immer dann am effektivsten, wenn man sich im Flow völlig mit den Lerninhalten verbindet. Und genau dieses Ziel hatte meine Tochter erreicht. Es freut mich sehr, dass sie dadurch zum Thema „Gedichte auswendig lernen“ ein wesentlich entspannteres Verhältnis hat als ich es damals in der Schulzeit hatte.

Natürlich wird auch sie mit Klassikern wie „Der Zauberlehrling“ (1797) in Kontakt kommen. Womöglich wird sie sie sogar auswendig lernen müssen. Doch bin ich beruhigt, da ich weiß, dass sie das Auswendiglernen von Gedichten lange geübt hat und sich dadurch gute Lernstrategien erarbeitet hat. Sie wird es schaffen, falls nötig. Vor allem aber wird sie die zeitgemäßen Gedichte im Kopf behalten, die sie zum Lachen brachten oder ihr Herz berührten.

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