Die Digitalisierung in den Schulen schreitet voran. Immer mehr Klassen erhalten Tablets. Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer setzen KI zur Unterrichtsvorbereitung oder im Unterricht selbst ein. Doch wie steht es um die persönliche Beziehung zwischen der Lehrkraft und den Lernenden? Müssen wir wieder mehr in Beziehungsarbeit investieren?
Tablets im Klassenraum
Es ist schon verrückt, mit anzusehen, wie sich die Tablets im Klassenraum ausgebreitet haben und nun zum Teil wieder zurückgenommen werden. Während auf der einen Seite Schulen stehen, die immer noch komplett tabletfrei sind, da sie ihrer Zeit ein wenig hinterherhinken, wird andererorts schon wieder zurückgesteuert: Schulen, die bereits sehr früh mit Tablets ausgestattet wurden, stellen das Vorgehen in Frage, verbannen die Tablets in Teilen oder gar komplett.
Schweden beispielsweise stattete sogar seine Vorschulkinder mit digitalen Endgeräten aus, nimmt jetzt aber wieder Abstand davon. In Bayern sollten alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 mit Tablets arbeiten. Neuerdings sind es nur noch die Schülerinnen und Schüler ab Klasse 8.
Digitale Medien bestimmen unser Leben. Daher ist es nur logisch, sie auch in den Unterricht mit einzubeziehen. Doch an welchen Stellen schaden sie? Wie beeinflussen sie die Lesekompetenz? Oder das soziale Miteinander? Es sind noch viele Fragen offen.
Interessante Gedanken findest du hierzu auch im Blogartikel „Digitalisierung ohne Tiefe: Was die Laptop-Generation lehrt“ von Torsten Larbig. Während er Laptopklassen früher begrüßte, fällt seine Meinung heute sehr viel differenzierter aus.
KI in der Schule
Werfen wir auch hier einen kurzen Blick auf den aktuellen Stand: KI erobert unser aller persönliches Leben. Tagtäglich ein Stückchen mehr. Und auch vor den Schulen macht KI nicht mehr Halt. Aus meiner Sicht waren es die Schülerinnen und Schüler, die KI als nützliches Werkzeug entdeckten und einsetzten, noch bevor die meisten Lehrerinnen und Lehrer aktiv Erfahrungen mit ChatGPT und Co gesammelt hatten. Bereits im Februar 2024 beschäftigte ich mich deshalb in einem Blogartikel mit der Frage „Löst ChatGPT jetzt alle Hausaufgaben?“.
Doch die Lehrerinnen und Lehrer zogen nach. Einige machten sich Gedanken darum, wie sie KI-sichere Hausaufgaben stellen könnten. Auch hierzu verfasste ich einen Blogartikel: „Wie du Hausaufgaben stellst, die ChatGPT nicht lösen kann“.
Die Schulen in Singapur sind bereits ein paar Schritte weiter. Sie setzen KI ganz gezielt im Unterricht ein, um die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen und um den Lehrkräften einen schnellen Überblick über Lernerfolge und noch zu schließende Lücken zu geben. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir in Deutschland in Zukunft eine ähnliche Entwicklung sehen werden. (Mehr zu den Schulen in Singapur findest du im Tagesschau-Artikel „Den Lernerfolg nicht der KI überlassen“.)
Die Beziehungsarbeit nicht vergessen
Ich persönlich bin übrigens der Meinung, dass wir uns langfristig in der Mitte einpendeln werden: Vermutlich wird es sowohl digitale Endgeräte als auch Stift und Papier im Klassenzimmer geben. Denn beides hat seine Vor- und Nachteile und damit auch seine Berechtigung im Klassenraum. Vermutlich werden wir auch KI als festen Bestandteil in unsere Schulen integrieren. Die Frage ist nur, auf welche Weise. Welche Aufgaben kann die KI sinnvollerweise übernehmen? Wo nimmt sie uns Arbeit ab? Und die wohl wichtigste Frage: Wie kann sie den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler effektiv unterstützen?
Vielleicht müssen wir aber auch den Fokus verschieben. Derzeit steht die Digitalisierung sehr im Vordergrund. Vielleicht zu sehr?! Doch ist das Lernen tatsächlich so sehr davon abhängig, mit welchen Mitteln es stattfindet? Oder kommt es nicht vielmehr auf andere Faktoren an? Was ist mit der Beziehung zwischen der Lehrkraft und den Lernenden?
Meiner Erfahrung nach hängt der Lernerfolg tatsächlich sehr stark davon ab, ob die Beziehung zwischen der Lehrkraft und den Lernenden stimmt. Das habe ich bereits in meiner eigenen Schullaufbahn gemerkt. War der Lehrer zugewandt, hat er sich ehrlich für meine Lernfortschritte interessiert, hat er mich als Mensch wahrgenommen, so fühlte ich mich wohler und lernte effektiver. Manchmal geschah das Lernen ganz mühelos in diesem Kontext.
Ähnliche Erfahrungen machte ich als Nachhilfelehrerin. Schaffte ich es, eine gute Beziehung aufzubauen, so machte das Lernen nicht nur auf beiden Seiten mehr Spaß, sondern es stellten sich auch deutlich schneller deutlich größere Fortschritte ein.
Beziehungsarbeit als Schlüssel
Beziehungsarbeit. Was ist das eigentlich genau? Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen schreibt dazu auf seiner Homepage lernen-digital.nrw: „Gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Vertrauen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, aber auch zwischen den Lernenden selbst, bilden die Basis erfolgreicher Gestaltung von Unterricht und schulischen Lehr-/Lernprozessen.“ Beziehungsarbeit ist das Fundament für erfolgreiches Lernen. Tablets hingegen bilden nicht das Fundament. Sie sind lediglich ein Hilfsmittel.
Meiner Meinung nach sollten wir uns den Schülerinnen und Schülern wieder mehr zuwenden. Ihnen Beachtung schenken. Statt digitaler Hilfsmittel.
Statt zu fragen „Was hast du zu diesem Thema herausgefunden?“ sollten wir fragen „Was denkst du über dieses Thema?“, „Wie ist deine Meinung dazu?“ und vielleicht auch „Wie geht es dir damit?“.
Lasst uns über Lösungswege diskutieren und Tipps von Mensch zu Mensch weitergeben. Lasst uns über die Lerninhalte ins Gespräch kommen und offene Diskussionen führen. Denn ich sehe die Gefahr der digitalen Isolation. Ich weiß, wir sprechen bereits seit Jahren darüber. Doch wenn die Digitalisierung auch in den Schulen weiter um sich greift, wo finden dann noch echte Gespräche statt? Wo schulen unsere Schülerinnen und Schüler ihre Empathie, Frustrationstoleranz oder Teamfähigkeit?
Timo Off weist in seinem Blogartikel „KI als stiller Mentor?“ darauf hin, dass viele Schülerinnen und Schüler die KI bereits jetzt als Freund und stillen Berater nutzen. Eine Entwicklung, die ich ebenso beobachte. Er schlägt vor, die Antworten der KI mit den Antworten echter Menschen abzugleichen. Beispielsweise im Bereich der Berufsorientierung, wo die Antworten der KI und die des Berufsberaters durchaus differenzieren können.
Was denkst du über dieses Thema? Was macht dir Angst? Wo siehst du Chancen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!
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